Shakespeare 66

Eines der berühmtesten Sonette Shakespeares ist Nr. 66, das sich in meiner Übersetzung so liest:

 

Wie herzzerreißend traurig, dies zu sehen:
wenn niedre Herkunft ein Talent verdirbt;
wenn Ärmste heiter zum Verzichten stehen;
und reinster Glaube an Enttäuschung stirbt;

Verdienst und Ehre – achtlos weggeschoben;
die Reinheit zarter Frauen grob verletzt;
die Perfektion verleumdet, statt zu loben;
ein junger Mensch verkrüppelt, kriegszerfetzt;

und Kunst, geknebelt von Zensoren-Mächten;
und kranker Irrsinn, der Vernunft „kuriert“;
Wahrheit naiv genannt, von schlauen Schlechten;
und Gutes, das das Böse toleriert:

So herzzerreißend, dass ich sterben möchte
— wenn ich nur nicht stattdessen
an Dich dächte


Das Original lautet so:

Tir’d with all these, for restful death I cry,
As, to behold desert a beggar born,
And needy nothing trimm’d in jollity,
And purest faith unhappily forsworn,

And guilded honour shamefully misplaced,
And maiden virtue rudely strumpeted,
And right perfection wrongfully disgraced,
And strength by limping sway disabled,

And art made tongue-tied by authority,
And folly (doctor-like) controlling skill,
And simple truth miscall’d simplicity,
And captive good attending captain ill:

Tired with all these, from these would I be gone,
Save that, to die, I leave my love alone.

(William Shakespeare)


Zeile Drei 19mal falsch übersetzt

Ein sehr häufiger Fehler ist, die dritte Zeile falsch zu verstehen. „Needy nothing trimmed in jollity“ bedeutet, dass ein ohnehin schon dürftiges Nichts noch weiter gestutzt wird, und zwar von den Bedürftigen, klaglos und in heiterer Unbekümmertheit.

„To trim“ bedeutet kürzen, zuschneiden, stutzen – auf absolut gar keinen Fall kann man es mit „sich aufblähen“ oder „sich schmücken“ übersetzen.

Im Sinn von „straffen“ oder „sich richten“ kann es zur Not „schick machen“ bedeuten, das ist aber ein SCHNEIDIGER Look, der eben daher kommt, das das Überflüssige beseitigt wurde. Wird das Elend in Heiterkeit gestutzt (um ordentlich auszusehen), wäre der Kontext marginal anders, das Elend weiterhin tragisch und der Betrachter immer noch voller Mitleid. Von arrogantem Prunk wäre dann noch immer keine Rede.

Zur typischen Verwendung: In Douglas Adams‘ berühmtem Werk „per Anhalter durch die Galaxis“ wird ein fiktiver Text von vielen tausend Seiten auf ZWEI WORTE gekürzt. Und welches englische Verb benutzt Adams an dieser Stelle? Eben: „to trim“.

Das Wort bedeutet eine Verknappung, die in der Erzählung von Sonett 66 umso trauriger ist, als schon von Anfang an nicht viel zum Kürzen da war. Es ist die Situation des armen Vaters, der den Kindern mitteilen muss, dass das wenige Brot noch länger reichen muss als gedacht, weil das Gehalt noch zwei Tage später als erwartet ausgezahlt wird und der trotzdem liebevoll und heiter mit seinen Kindern ist. Es ist die arme Mutter, die vor der Kälte mit allen Kindern ins Bett flüchtet und dort scherzt und lacht, so dass den Kindern die Situation nicht schlimm, sondern gemütlich vorkommt.

Shakespeares „66“ ist ein Gedicht, das von MITLEID spricht, das der Dichtende hat, und zwar in jeder Zeile. Es ist der ohnmächtige Wunsch, das es den Guten auch gut gehen soll: den Würdigen, den Keuschen, den Verdienstvollen. Wer im Elend heiter bleibt, ist bewundernswert; wer heiter bleibt, obwohl er selbst „needy nothing“, also das dürftige Nichts einer heiteren Brotration, noch weiter kürzen (trim) muss, der ist herzzerreißend bewundernswert.

Das Gedicht spricht in jeder Zeile von Menschen, denen es schlechter geht, als sie es verdient hätten, und es ist das Unrecht der Welt, die ungerechte Verteilung von Glück und Unglück, die der Text so sehr bedauert, dass der Dichter am liebsten tot sein will.

Selbst dann, wenn man von der wörtlichen Übersetzung absieht, bei der „to trim“ einfach nicht mehr zu „sich aufblähen“, „sich anmaßen“ usw. passt, gibt der Kontext des Gedichtes einfach keine andere Deutung her. Denn arrogante Anmaßung, das Mehr-Schein-als-Sein würde vielleicht Wut und Empörung auslösen, aber ganz sicher kein Bedauern oder Mitleid. Warum sollte ein so versierter Dichter, wie Shakespeare es eben war, ALLE Zeilen eines Gedichtes dem Mitleid widmen und dann in einer einzigen plötzlich das Gefühl wechseln? Derartiges Reim-dich-oder-ich-fress-dich hatte Shakespeare absolut nicht nötig. Das Gedicht ist eine traurige Aufzählung von Tatbeständen, in denen Verdienst und Schicksal einfach nicht zusammenpassen; und nachdem er uns mit einer Liste von Menschen, denen Unrecht widerfährt, frustriert hat, richtet er uns in der letzten Zeile mit dem Trost der Liebe wieder auf. So verstanden (und übersetzt) funktioniert das Gedicht.

Wohingegen die Idee, dass ein Armer oder Unwürdiger sich Pracht und Schmuck anmaßt, vielleicht verärgern mag, aber den Beobachter kaum so sehr ärgert, dass man sich deswegen den Tod wünschen würde; Mitleid mit dem, der den Betrug nötig hat, schiene mir persönlich da nachvollziehbarer. Ob Mitleid oder Empörung, die Verzweiflung, die uns erfasst, wenn wir an Vergewaltigung oder Körperbehinderung denken, ist damit kaum vergleichbar.

Eine Übersetzung, die die dritte Zeile als Ärger über angemaßten Prunk auffasst, halte ich also weder vom Wortsinn, noch vom Kontext des ganzen Gedichtes her für sinnvoll; auch wenn sich zahlreiche Übersetzer/innen allesamt an der gleichen Stelle irren. Demokratie ist eine schöne Sache und Lyrik frei, aber selbst bei einem Shakespeare-Sonett gibt es Grenzen der Nachdichtung.

Die Übersetzungen, die andere Dichter/innen für die Zeile gewählt haben, stelle ich unten an. Ich halte keine einzige davon für vertretbar.

Quelle der Übersetzungen:

William Shakespeare – 19 verschiedene Übersetzungen von Sonnet 66/Sonett 66

 

 

Fehlübersetzungen von „And needy nothing trimm’d in jollity“:

Otto Leonhard Heubner (1843-1893):
Armsel’ge Nichtigkeiten wichtig tun

Hermann Freiherr von Friesen (1831-1910)
Und dürft’ges Nichts in schmuckem Flitterstaat,

Wilhelm Jordan (1819-1904)
Das leere Nichts mit Reichtum ausgestattet,

Max Koch (1855-1931)
Und hohlem Nichts Ergötzen zu Gebot,

Karl Lachmann (1793-1851)
Und dürftig nichts in heitern Prunk gefaßt,

Alfred von Mauntz (übersetzt 1894)
Das dürft’ge Nichts in Lustbarkeit sich blähen;

Alexander Neidhardt (ca. 1870)
Armseliges Nichts Im Prunk stolziert und, traun

Florens Christian Rang (1864-1924)
Und dürftig Nichts stolzierend mit Juchei,

Heribert Rau (1813-1876)
Und dürft’ges Nichts mit heiterm Schmuck behangen,

Gottlob Regis (1791-1854)
Und hohle Dürftigkeit in Grün und Rot,

Karl Richter (1795–1863)
Und dürftig nichts geschmückt mit heitrer Pracht,

Terese Robinson (1797-1870)
Und hohles Nichts in goldnem Glanz gefaßt,

Gustav Adolf Schöll (1805-1882)
Nutzloses Nichts geputzt und freudenroth

Andreas Schumacher (übersetzt 1826)
All ohne Zier des Erdenkindes Not, –

Karl Simrock (1802-1876)
Wie hohles Nichts sich spreizt im Überfluß,

Dorothea Tieck (1799-1841)
Und ärmstes Nichts geschmückt in Glanz und Pracht.

Benno Tschischwitz (1828-1890)
Und dürftge Hohlheit frohen Prunk erwerben,

Emil Wagner (1810-1889)
Wenn leeres Nichts sich putzend kann verschönen,

M.G. Warburg (übersetzt 1876)
Und dürft’ges Nichts geschminkt mit falschem Rot,

 

 

 


Mittwochs-Gag:
„Und in Gefangenschaft gut besucht Kapitän krank…“

Das da kommt raus, wenn man eines der berühmtesten Sonette von Shakespeare in den Google Translator stopft:

Tir’d mit all diesen, ich für einen erholsamen Tod weinen ,
Wie zu sehen ein Bettler Wüste geboren ,
Und Bedürftigen nichts trimm’d in Lustigkeit ,
Und reinsten Glauben unglücklicher abgeschworen ,
Und guilded Ehre schändlich fehl am Platz ,
Und Mädchen Tugend unsanft strumpeted ,
Und rechts Perfektion zu Unrecht in Ungnade ,
Und Stärke durch Schwanken hinkend deaktiviert,
Und die Kunst gemacht sprachlos von Autorität ,
Und Torheit ( Arzt -like) zu steuern Fähigkeit ,
Und einfache Wahrheit miscall’d Einfachheit ,
Und in Gefangenschaft gut besucht Kapitän krank :
Müde mit all diesen, von diesen würde ich weg sein ,
Speichern Sie , dass , um zu sterben, ich meine Liebe allein lassen.

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