40 – aus verschiedenen Perspektiven

(Als Zwanzigjähriger:)

Wenn ich vierzig wäre!
Wenn ich nur schon vierzig wäre!

Ich wäre so distinguiert,
seriös und Schläfen-graumeliert!
Ich wäre so gereift, erwachsen,
gelassener, ein Philosop,
ich stünde vor den dümmsten Faxen
der Welt als wahrer Philantrop,
ich wäre weiser als vor Jahren,
gebildeter, auch an Geschmack,
auch im Beruf schon sehr erfahren
und hätte auch viel Geld im Sack.

 

(Als Dreißigjähriger:)

Ach, wenn ich vierzig wäre!
Teufel, wenn ich nur endlich vierzig wäre!

Ein Mannsbild wär ich, so ein edels!
Vom Fuße bis zum Kamm des Schädels!
Voll Würde käm´ ich hergeschritten,
im Maßanzug aus dunklem Tuch,
ich führe einen Superschlitten,
und schriebe schon mein viertes Buch.
Ich trüge klassische Krawatten,
man würbe mich fürs Parlament,
und die, die´s einst nicht nötig hatten,
die grüßten jetzt: „Herr Präsident…“

 

(Als Fünfunddreißigjähriger:)

Nanu, die Vierzig kommen näher.
Tatsächlich, die Vierzig rückt immer näher!

Vor allem Contenance bewahren,
und nicht mit jedem Schlitten fahren.
Mit Vierzig bin ich ganz gediegen,
von Haltung, nichts erschüttert mich;
ich habe mich in nichts verstiegen,
nichts reizt und nichts verbittert mich.
Auch zeigt mein Badezimmerspiegel:
ich halte mich, bisher, sehr gut,
ich brauche keine Salbentiegel,
mein Auge rollt in alter Glut.

 

(Mit Siebenunddreißig)

Hoppla, bald bin ich vierzig!
Huchje, Tatsache, bald bin ich vierzig!
Bis dahin sollte dies gelingen
und jenes sollt´ ich fertig bringen!
Die Kinder sind dann auch schon älter
und haben ihren eignen Kopf,
man kriegt dann höhere Gehälter
und graue Haare in den Schopf.
Das sind untrügliche Symptome
daß man die Zukunft schon durchsiebt:
was machen sie wohl für Diplome
(die Kinder). Und – ob´s Enkel gibt?

 

(Mit Neununddreißig)

Wie bitte, ich werde vierzig?
Ich war noch nie vierzig! Unmöglich! Ich vierzig?

Ich kann und kann und kann´s nicht leugnen
– die Vierzig werden mir begeugnen!
Jetzt wird es Zeit zu resümieren!
O Gott, nein, lieber nicht, noch nicht!
Ich werde durch das Jahr marschieren
Mit einer DREISSIG im Gesicht!
Was soll´s auch schon, soll das Gehudel,
das man um dieses Datum macht,
an meinem Vierzigsten gibt´s Nudel
und schlafen geh ich schon um Acht.

 

(Eine Woche vorher)

O, bald ist Geburtstag.
Sicherlich wird es eine nette kleine Geburtstagsfeier.

Ich freue mich schon, wenn ich denke:
bestimmt gibt´s herrliche Geschenke!
Doch sollte ich für übermorgen
– für jenen wichtigen Termin –
noch dieses und noch das besorgen;
und wo hab´ ich den Füller hin?
Und dann der Streß mit den Projekten,
die sich auf meinem Schreibtisch staun:
in Projekt A geht´s um Effekten
und Projekt B hat Schmidt verhaun.

Die Geburtstagsfeier selbst ist eine völlig private
Angelegenheit und wird dichterisch nicht erfaßt.

 

(am Tag danach)

Na und, vierzig? Was heißt hier Vierzig?

Ich danke all den Gratulanten,
die rund um meinen Schreibtisch standen!
Ich bin umzingelt, ohne Lücke
Ich drücke diese, jene Hand;
und daß ich sie mit vierzig drücke,
ist tiefer Unrast Gegenstand:
bin ich jetzt alt? Wird alles enden?
Da hör ich, wie der andre spricht:
Projekt C liegt in Ihren Händen;
und Schmidt hilft ihnen, oder nicht?

 

(Mit Achtundachtzig)

Vierzig? Ach ja, damals… vierzig…

Du lieber Gott, nun ist das schon
so langsam Projekt Ypsilon…
der Alltag, das All meiner Tage…
man glaubt, daß es bedeutsam sei,
man legt den einen auf die Waage
und andre gehen so vorbei.
Wir denken, Jahre seien Geraden
mit Zeit-Punkten soso markiert…
dabei ist jeder Tag ein Faden
an dem das Püppchen Zeit marschiert.
Wir lenken es für uns im Kreise
der dann für uns zum Zeitpunkt wird
wenn wir von fern, erinnernd, leise
ihm nachsehn, wie er
sich verliert…

 

(Timmo Strohm)

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